Blog-Eintrag

TTArtisan 11mm Fullframe Fisheye

Ein Fisheye-Objektiv ist das Normalobjektiv der Panoramafotografen.
Ich habe in den vergangenen Jahren wiederholt diesen Fakt aus unterschiedlichen Perspektiven erläutert und begründet. In einem Satz zusammengefasst klingt das so:

„Fisheye-Objektive bilden einen sehr großen Bildwinkel ab ohne den Bildinhalt stark zu dehnen und nutzen so die Sensorfläche wesentlich effizienter aus als rectilineare Weitwinkelobjektive gleicher Brennweite.“

Am weitesten verbreitet sind in diesem Zusammenhang Fullframe Fisheyes, deren 180°-Bildkreisdurchmesser gerade der Sensordiagonalen entspricht.
Die Brennweite eines klassischen Fullframe Fisheyes beträgt dann knapp ein Drittel der Sensor-Diagonale, also 15mm für’s Vollformat, 10mm für’s APS-C und 8mm am MFT-Format. Die typischen Vertreter dieser klassischen Fisheyes sind das f2,8/15mm von Canon, das f2,8/10mm von Sigma und das Lumix f2,8/8mm.
Das „Klassische“ mathematisch formuliert ist dabei die sogenannte flächentreue Projektion der Abbildung. Seit einigen Jahren finden allerdings vorwiegend andere Fisheye-Objektive für Panoramafotografie zum Einsatz, die nicht flächentreu abbilden, sondern die stereografische Projektion verwenden.
Der Unterschied ist für die Abbildung im finalen Panorama nicht wirklich relevant und den Fotografen auch kaum bewußt. Sie kaufen diese Objektive eher, weil sie meist

  • sehr preisgünstig sind (typisch 300€)
  • von der Panorama-Community durchweg gelobt werden. 

Der tatsächliche Grund für die positive Bewertung liegt vor allem darin, dass diese Objektive aufgrund der stereografischen Projektion keinen nennenswerten winkelabhängigen Nodalpunktgang aufweisen. Der Panoramafotograf sieht nur das Ergebnis, und das stitcht im Polargebiet meist sichtbar besser als es für flächentreu abbildende Fisheyes typisch ist.

Die beliebtesten Fisheye-Objektive mit stereografischer Projektion sind das Samyang f2,8/12mm für’s Vollformat und das Samyang f3,5/8mm CS2 für die DSLR mit APS-C-Sensor sowie das Samyang f2,8/8mm V2 für die spiegellose APS-C.  Der koreanische Hersteller Samyang ist seit Jahren mit dieser Palette von Fisheyes sehr erfolgreich.

Brennweite und Bildwinkel bilden für rectilineare Objektive eine eindeutige Beziehung. Verschiedene rectilineare Weitwinkelobjektive gleicher Brennweite weisen den gleichen Bildwinkel auf. Bei Fisheyes gilt das nicht. Panorama-Einsteiger sind daher immer wieder irritiert von den Brennweitenangaben der Fisheye-Objektive. So weisen das 15mm Canon und das 12mm Samyang am Vollformatsensor trotz unterschiedlicher Brennweite den gleichen Bildwinkel auf.
Panoramafotografen, die die Bilder mit PTGUI stitchen, erklärt sich der Unterschied der Fisheye-Projektionen beim Blick auf die Linsenparameter, die das Programm ermittelt.
Da wird der „Fisheye-Faktor“ ausgewiesen, ein sehr trickreich definierter Parameter, der zusammen mit der Brennweite die Projektion des Objektivs vollständig beschreibt.
Ist der Fisheye-Faktor negativ, handelt es sich um eine "komprimierende", eine Sinus-Projektion. Der Wert „-0,5“ steht für die flächentreue Projektion. Ist der Wert positiv, dann handelt es sich um eine "dehnende", eine Tangens-Projektion. So weisen die genannten Samyang-Objektive Werte von ca. „+0,35“ auf.

Soweit der langatmige Vorspann.
Doch nun zum eigentlichen Thema dieses Beitrags.

Bislang gab es für Vollformatkameras kein Fullframe Fisheye, das für das kurze Auflagemaß der Spiegellosen konstruiert ist. Egal welches Fisheye, das f2,8/15mm Canon, das f2,8/16mm Nikkor, das f2,8/15mm Sigma, oder das beliebte f2,8/12mm Samyang oder eines der „Fisheye-Zooms“ – sie alle sind für das lange Auflagemaß der DSLRs (ca 45mm) konstruiert. Gerade als Nikon Ende 2017 begann, die Werbetrommel für die kommenden Spiegellosen Z-Modelle zu rühren, brachten sie das 0815 Nikkor Zoom für das Auflagemaß der DSLRs - m.E. mindestens 5 Jahre zu spät.  Jetzt, 3 Jahre später, hat Nikon noch immer kein eigenes Fisheye für die Z auf der Roadmap. Auch der Besitzer einer Sony A7 hatte bislang nur die Möglichkeit, eines dieser DSLR-Objektive an seine A7 zu adaptieren. Allein Samyang lieferte schon seit Jahren das bei A7-Besitzern sehr beliebte f2,8/12mm Fisheye auch mit E-Mount aus. In diesem Fall ist dann der Adapter als „Stück Leerrohr“ bereits im Hinterteil des Objektivs integriert. Aber ein für das kurze Auflagemaß der Spiegellosen gerechnetes und kompakter gebautes Vollformat Fullframe für die A7 von Sony, die Nikon Z6/Z7, Canon EOS R, Lumix S bis hin zu Leica M gab es bislang nicht. Erst im Lauf dieses Jahres (2020) wurde das erste Fisheye dieser Art, das TTartisan f2,8/11mm angekündigt.

12mm Samy vs. 11mm TTartisansEin Fullframe Fisheye mit 11mm Brennweite ?
Also noch kürzer als das 12mm Samyang ??
Geht man von f=11mm Brennweite und einem Vollformat Fullframe aus, muss es sich um die ungewöhnliche winkeltreue Projektion handeln mit der Abbildungsgleichung R=k⋅f⋅tanα/k mit k=2. (Dem entspricht in der PTGUI-Nomenklatur ein Fisheye-Faktor von +0,5).

So war ich sehr gespannt auf das manuelle Objektiv, das mit Bajonett für Canon-R, Leica-L/M, Nikon-Z und Sony-E verfügbar sein soll. Und es war klar, dass es nicht lange dauern konnte, bis die ersten Kunden einen Nodalpunktadapter für das neue Objektiv anfragten. Im September konnte ich dann die neue Linse an der Kamera (Nikon Z6) eines Kunden auf der optischen Bank vermessen, um die Lage der Eintrittspupille und den winkelabhänigen Nodalpunktgang zu bestimmen.
gefällige KombiDas 11mm Fisheye an der handlichen Nikon Z6 ist eine sehr gefällig Kombination.  Die nur schwach gewölbte Frontlinse ist bei weitem nicht so wuchtig wie beim 12mm Samyang. Der Kennerblick auf die Iris von vorne offenbart noch vor der ersten Messung einen deutlichen, winkelabhängigen Nodalpunktgang. 
Das Objektiv ist wirklich sehr schön verarbeitet und der Fokus läuft geschmeidig.
Ich will hier nicht weiter auf die Qualität des Objektivs eingehen, das ist nicht Thema dieses Beitrags. Nur soviel: Ich habe keine Kritikpunkte festgestellt, außer dass der Blendenring keine Rastung aufweist. Im Netz finden sich bereits zahlreiche Tests zu dem 11mm TTArtisan, z.B. hier.
Ein sehr schönes Objektiv für wenig Geld !
China macht’s möglich - wer oder was sich dort auch immer hinter "TTArtisan" verbirgt (Migjjang Optical, ein mir bislang  unbekannter Hersteller).

Nachtrag März 21: Inzwischen haben wir von mehreren Kunden das Feedback, dass sie aufgrund der höheren Auflösung und Randschärfe das TTArtisan dem Samy vorziehen.
Dennoch: Jedes Objektiv ist ein Einzelstück mit individuellen Fertigungstoleranzen.

SLANT SetupDas erste schnelle Panorama sollte dann die große Überraschung offenbaren. PTGUI justiert und wölbt die Quellbilder auf Anhieb problemlos und genau.
Der Optimizer ermittelt 15mm Brennweite. Wie bitte ?
Ein 2. Optimizer-Lauf zur Ermittlung des Fisheye-Faktors bestätigt diesen Wert der Brennweite und nennt -0,5000 als Fisheye-Faktor. Ich kann es kaum glauben, wiederhole das Ganze mit einer neuen Aufnahmenserie am schnell konfigurierten SLANT Setup. Kein Zweifel.
Von wegen 11mm !
Das Objektiv hat 15mm Brennweite und weist eine exakt flächentreue Fisheye-Projektion auf. Von der tatsächlichen Brennweite und der Projektion also nichts Besonderes. Eigentlich ein Klassiker - genau wie das beliebte f2,8/15mm Canon, wäre es nicht das erste 15mm Fullframe für das kurze Auflagemaß. 

Der Befund ist nicht wirklich praxisrelevant für den Panoramafotografen, schon gar nicht, wenn er die Panoramen mit PTGUI stitcht, das die reale Projektion der Linse berechnet. Dennoch ist es bemerkenswert, dass der Hersteller das Objektiv mit falschen Daten anpreist.
PTGUI OptimizerDie 11mm Brennweitenangabe ist sicher kein Versehen, eher ein bewusst gewähltes "Alleinstellungsmerkmal". (Auch das Samyang f3,5/8mm wurde in den USA als Opteka f3,5/6,5mm Fisheye verkauft).
Es ist doch völlig unsinnig, ein Objektiv mit einer derart falschen Brennweitenangabe zu versehen.  Das ist Etikettenschwindel, irreführende Werbung, ja unlauterer Wettbewerb, der dem Hersteller und noch mehr dem Händler nur schaden kann, insbesondere, wenn Kunden den Kauf aufgrund falscher Produktspezifikation stornieren oder Händler aufgrund dieses Risikos das Produkt erst gar nicht ins Programm nehmen.

 

Ich bedanke mich bei unserem Kunden Frank Wolf, der das Objektiv samt Kamera zur Verfügung gestellt hat.

Nachtrag 3/21:
1. Ein weiterer Link zu einem Testbericht des TTArtisan
2. Die Rückmeldungen der Kunden zum TTArtisan sind doch recht unterschiedlich.
Die Einen loben das Objektiv aufgrund seiner ausgezeichneten Schärfe bis zum Bildkreisrand. Ein Anderer bezeichnet die Linse als "Müll" aufgrund massiver lens flares bei Sonnenlicht.
Fazit: Die Qualität des chinesischen Objektivs scheint doch recht zu variieren.
3. Das erste SLANT Panoramasystem für die GFX 100S mit dem adaptierten TTArtisan ist ausgeliefert. Wie erwartet ist mit nur 4 Aufnahmen single row die volle Sphäre abgebildet mit deutlichem Überlapp auch an den Polen. Native Auflösung: Über 26k Pixel/360°.
Bericht folgt in Zusammenarbeit mit dem Kunden.

Kommentare

Danke für den interessanten Beitrag. Wo sehen Sie Vorteile des TTArtisan im Vergleich zum 12mm Samyang ?

Die Vorteile des TTArtisan sehe ich in folgenden Punkten:

  1. DasTTArtisan ist bei weitem nicht so kopflastig an einer Spiegellosen.
  2. Ich finde die Linse handlicher und gefälliger.
  3. Während das Samy das Bild zum Rand hin deutlich dehnt, staucht das TTArtisan nur minimal. Der Sensor wird so am besten ausgenutzt.
  4. Es bringt aufgrund der längeren Brennweite (15mm vs. 12mm) eine höhere native Auflösung

Allerdings ist der diagonale Bildwinkel mit dem TTArtisan einen Tick kleiner als beim 12er Samy. Der Zenit-/Nadirstern wird also mit dem TTArtisan etwas größer. Man lässt daher die Kamera am SLANT leicht (ca. 2°) nach oben schielen, dann ist der Zenit geschlossen und der Nadirstern minimal größer.

In der Darstellung oben antwortete ich auf die Frage zu den Vorteilen des TTArtisan gegenüber dem 12er Samy. Tatsächlich sehe ich auch zwei Einschränkungen beim TTArtisan, die ich hier noch nachtragen möchte:

1. Das TTArtisan liefert am FX-Sensor einen etwas kleineren Bildwinkel als das 12er Samyang. Zenit und Nadir sind bei horizontaler Achse am SLANT nicht geschlossen.

2. Das TTArtisan hat - typisch für die flächentreue Projektion - einen deutlich ausgeprägteren winkelabhängigen Nodalpunktgang als das Samyang. Es ist vergleichbar mit den bekannten 0815 Fisheye-Zooms von Canon und Nikon.
Jetzt habe ich das TTArtisan auf der optischen Bank genau vermessen.
Zwischen 45° und 90° variiert die Position der Eintrittspupille um 11,6mm.
Bei Panoramen im Innenraum und mit kurzem Aufnahmeabstand ist das ein Nachteil gegenüber dem 12mm Samyang.

Inzwischen habe ich eine Vermutung, den Versuch einer Erklärung, warum das 11mm TTArtisan ausgerechnet mit 11mm Brennweite angepriesen wird.
Die Linse ist das erste, bislang einzige Fullframe Fisheye für das kurze Auflagemaß einer Vollformatkamera, also die Kameras von Sony (A7), Nikon (Z6/Z7) und Canon R.
Viele Nikon-Fotografen verwenden das vergleichsweise teuere, knackscharfe Nikon 0815 Fisheye mit FTZ-Adapter an der Z - und zwar optimal bei 11mm.
TTArtisan versucht natürlich, genau diese Kunden mit dem viel preisgünstigeren Objektiv anzusprechen. Dennoch ist und bleibt es Unsinn, diese Linse als 11mm Fisheye zu vermarkten, insbesondere, weil der diagonale Bildwinkel von höchstens 176° doch einiges zu wünschen übrig lässt.

Ich hatte beim Schreiben des obigen Blog-Beitrags darüber nachgedacht, ob man denn - ähnlich wie das 12er Samy - auch das TTArtisan an die GFX adaptieren könnte. So ein TTArtisan mit Nikon Z-Bajonett an der GFX 100S - das wäre eine richtig coole Kombi ! Am SLANT würden dann 4 Aufnahmen für die volle Sphäre mit 26k x 13k Pixeln reichen.

Meine Schlussfolgerung war: Das geht leider nicht.
Die GFX hat ein Auflagemaß von 26,7mm.
Das 12er Samy ist für das DSLR-Auflagemaß von ca. 45mm konstruiert.
Mit einem Adapter, quasi einem "Stück Leerrohr" von ca.18mm Länge, kann man das Samy also an die GFX adaptieren.
Das TTArtisan ist aber für ein Auflagemaß von nur ca 20mm gerechnet.
Man bräuchte also einen Adapter mit (negativer !) -6,7mm Länge, um es an das GFX-Bajonett zu adaptieren.
Die einzige Chance sah ich darin, dass der Objektivhersteller die Linse gleich mit dem GFX-Bajonett ausstattet. Technisch sollte das machbar sein, denn das Hinterteil des Objektivs könnte problemlos ein Stück in das GFX-Bajonett mit 65mm Innendurchmesser hineinragen, zumal an der GFX kein Schwingspiegel die zulässige Schnittweite limitiert.

Heute entdeckte ich dann auf der Homepage von Mingjiang Optical, das ist genau der Hersteller TTArtisan, dass er einen Adapter Leica-M auf Fuji GFX anbietet. Einen entsprechenden Leica-M auf GFX-Adapter gibt es auch als Präzisionsteil aus deutscher Fertigung: Von NovoflexUnd das 11mm TTArtisan gibt es auch mit Leica-M-Bajonett.
Voilà !
So ist die Adaption dann doch möglich, weil das kleine M-Bajonett problemlos im mächtigen GFX-Bajonett verschwindet. Klasse !!

Vielleicht werde ich Migjjang Optical anfragen, ob sie denn nicht auch das Objektiv selbst mit GFX-Bajonett und natürlich gleich ohne Sonnenblende liefern wollen.  
Update folgt !

Unser Kunde Fabian Betto in der Schweiz hat meine Idee, das 11mm TTArtisan mit dem Leica-M Adapter an die GFX 100S zu adaptieren, gleich in die Tat umgesetzt.
Tobias Vollmer hat die Linse rasiert, wir haben den passenden SLANT NPA geliefert und Fabian Betto hat das Set getestet. Die Qualität ist hammerhaft !
Und PTGUI 12 stitcht die 4 Aufnahmen so ziemlich auf Mausklick perfekt.
Die volle Sphäre mit 26.500 Pixel/360° bei nur 4 Aufnahmen - ein Wahnsinn ! 

Mehr dazu in Kürze !

Übrigens: Mingjiang Optical hat zu meinem Vorschlag, das 11mm TTArtisan auch ohne Sonnenblende und mit GF-Bajonett zu liefern, jetzt Interesse signalisiert.
Wir arbeiten noch an der Kommunkation. Update folgt.

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