Blog-Eintrag

Ohne Spiegel auf der Überholspur

Als junger Ingenieur hatte ich jahrelang von einer - damals natürlich analogen - Mittelformatkamera geträumt, von der Mamiya RB67. 1984 konnte ich mir dann meinen Kamera-Traum erfüllen: Eine komplette Mamiya RZ67-Ausrüstung, die brandneue Nachfolgerin der RB67. Die von Luici Colani designte RZ67 war und blieb für mich der Inbegriff einer Kamera mit ausgeprägtem Charakter. Eine wuchtige und zugleich elegante einäugige Spiegelreflex mit einem unvergleichlichen Sound, von der Bildqualität ganz zu schweigen. Jede Auslösung mit dem unverkennbaren "Blob" war Musik für meine Ohren.
Der markante Blob, das ist der satte, nicht überhörbare Schlag des 80 cm2 großen Schwingspiegels. Mit diesem Blob wird nicht nur ein wuchtiger Spiegel beschleunigt und gebremst. Dieses spiegelnde, einflügelige Windrad komprimiert und verwirbelt auch schlagartig einen halben Liter Luft und mehr im Body der RZ67, der genau genommen nur ein ergonomisch gestylter Spiegelkasten mit Bajonett vorne und hinten und einer großen Mattscheibe oben ist. 

2008, fast ein Vierteljahrhundert später, trennte ich mich dann schweren Herzens von dieser tollen Kamera mit dem unverkennbaren Blob zugunsten der digitalen Spiegelreflex Nikon D3. Auch deren Schwingspiegel war akustisch präsent, zumal überlagert vom kalten Klack-klack des Metall-Lamellen-Schlitzverschlusses. Das Auslöse-Geräusch der D3 ist kein satter Blob, nur noch hör- und spürbare Mechanik, die zumindest keine positiven Emotionen weckt.
Im selben Jahr 2008 stellte das MFT-Konsortium bestehend aus Olympus und Panasonic die ersten spiegellosen Systemkameras vor. Diese "neue" spiegellose Konstruktion verzichtet auf den Schwingspiegel der DSLRs und ersetzt den optischen Sucher durch einen elektronischen und dauernden Live-View. Durch den Wegfall des Spiegelkastens und seiner Mechanik lassen sich die Bautiefe der Kamera, aber auch deren Kosten, Geräuschpegel und Erschütterungen deutlich reduzieren. Bei dem um ca. 25mm verkürzten Auflagemaß sind zudem wesentlich kompaktere Objektivkonstruktionen möglich, die hinreichend bildseitige Telezentrie für die kurzen Schnittweiten erlauben. Somit sind die Spiegellosen insgesamt wesentlich kompakter, leichter und aufgrund der einfacheren mechanischen Konstruktion auch deutlich kostengünstiger als Spiegelreflexsysteme. Charakter im oben genannten Sinn haben aber die wenigsten der über die Jahre auf den Markt gekommenen MFTs.
Und wirklich neu war deren Konzept auch nicht.
Die bekannte Leica-M war schon immer spiegellos. Und von deren sehr kleinen, hervorragenden Objektiven, allesamt Festbrennweiten, passen 5 Stück in eine Hosentasche, so man sie sich denn leisten kann.

Das 4:3 MFT-Format wurde mit 17,3mm x 13,0mm festgelegt, so dass deren Bilddiagonale der Hälfte des Kleinbild-"Vollformats" entspricht (Crop 2,0). Der "kleine", kostengünstige MFT-Sensor hatte anfangs die Auflösung  4.000 x 3.000 Pixel. Ausgestattet mit einem Kit-Objektiv f3,5/14-45mm liefert die Kamera große Schärfentiefe und ist unempfindlich gegen Bewegungsunschärfe. So ausgestattet richtet sich die MFT-Systemkamera an eine breite Zielgruppe, sowohl Kamera-Aufsteiger von der Kompaktkamera oder dem Handy, als auch Umsteiger, denen die DSLR zu schwer wurde. Entsprechend gut kam das Konzept an. Viele MFT-Besitzer entwickelten sich zum Kamera-Consumer, der willig jedes Jahr eine Neue braucht.
Bis 2017 brachten Olympus und Panasonic im Schnitt jeweils drei MFT-Kameras neu auf den Markt. Über die Jahre differenzierte sich das Angebot über Design, Auflösung, Video-Performance und vielfältige Features. Die aktuellen MFTs verfügen über 4k-Video, mächtige Assistenzsysteme vom Phasen-Autofokus über Gesichtserkennung bis zum 5-Achs-Bildstabilisator sowie einen Wust von Motivprogrammen und Filtern, die wohl kein Fotograf wirklich braucht.  Die MFT-Objektive waren anfangs eher lichtschwach und kompakt. In den letzten Jahren trieb insbesondere Olympus die Anfangsöffnung der aktuellen Objektive ins andere Extrem, bis hin zum 1,8er Fisheye. Als Konsequenz wurde auch der Body der MFT's größer, so dass die inzwischen größeren Akkus Platz finden und die neuen, lichtstarken Objektive nicht mehr unten über den Kameraboden überstehen. Tatsächlich ist ein OMD M1-MkII- oder Lumix GH5-Body so groß wie der einer modernen spiegellosen Mittelformatkamera (z.B. Hasselblad X1D) mit 6,4-mal so großem Sensor. Pervertiert sich so das kompakte MFT-System selbst ?
Das MFT-System entwickelt sich wohl zum Kamerasystem einer neuen Fotografengeneration in einer Zeit, in der fotografische Kenntnisse nicht mehr notwendig sind. Mächtige Assistenzsysteme helfen dann weiter, wenn für die Fotografie, die ich gelernt habe, das Licht fehlt - oder auch nur die Geduld. Sind die aktuellen MFT-Kameras die Vorstufe zum "autonomen Fotografieren" ?

Neben den MFTs etablierte sich zunächst Sony mit der schicken NEX als Systemkamera im APS-C-Format und punktete mit kompakten Abmessungen trotz des größeren Sensors und sehr guten Video-Eigenschaften. Vor allem die geringe Auswahl an Systemobjektiven verhinderte, dass die NEX-Linie den MFTs den Rang ablaufen konnte. Samsung mit der Wirtschaftsmacht des Großkonzerns aber ohne Verständnis des Kameramarktes versuchte sich daneben zu etablieren, verschwand aber - absehbar - mit zwar wirklich guten aber unschönen Systemkameras schnell wieder. Ähnlich erging es Pentax mit der kleinen Q-Serie (Crop 2,7). 

Ganz anders ging Fuji ins Rennen der Spiegellosen. Fuji hat langjährige Erfahrung und weiß genau wie Fotografen ticken. Fuji entwickelte "eine japanische Leica", leider noch mit APS-C-Format. Fuji setzte selbstbewusst mit drei Merkmalen auf einen Alleingang:

  • Fuji verabschiedete sich vom allgegenwärtigen Bayer-Pattern des Sensors und setzte auf Trans-X, ein alternatives RGB-Filter-Mosaik. Das war extrem mutig, zumal damals noch keine einzige Bildbearbeitungssoftware mit Fuji's RAW-Format umgehen und weder Mac noch PC Fuji's RAW-Format anzeigen konnte.
  • Die Abkehr vom Bayer-Pattern erlaubt den Verzicht auf das Anti-Aliasing-Tiefpassfilter. Das bringt mehr Detailschärfe ohne die Moirée-Empfindlichkeit zu erhöhen.
  • Und Fuji setzt auf eine ergonomische Bedienung der Kamera ohne verschachtelte Menü-Steuerung, dafür mit einem mechanischem Blendenring an den Objektiven. Das ist nicht Retro sondern einfach ungemein praktisch, so wie früher.

Für die Fuji-X Systemobjektive gab es immer eine klare Roadmap, die eingehalten wurde. Fuji-X-Fotografen hatten von Anfang die Gewähr, dass in kürzester Zeit mehr hervorragende Systemobjektive verfügbar waren, als man sich leisten konnte. 

Fuji setzte dann 2016 noch eins drauf mit der spiegellosen Mittelformatkamera GFX-50S, sozusagen der ausgewachsenen Schwester der X-T1. Mit der "Großen X", spiegellos und unerwartet handlich mit 55mm Bilddiagonale positioniert sich Fuji zwischen den Top-DSLRs der beiden Marktführer und den PhaseOne-Boliden mit 66mm-Digital-Rückteil. Diese GFX-Linie wird insbesondere mit der 100/150 Megapixel Sensor-Generation interessant, wo die Vollformatkameras nicht mehr mitspielen werden. Als Pendant zur GFX-50S hat Hasselblad mit der X1D ebenfalls einen Testballon im spiegellosen Mittelformat steigen lassen.

Und die zwei Großen, Canon und Nikon ?
Während sich der Markt für die Spiegellosen unerwartet gut entwickelte, hielten sich Canon und Nikon lange raus. Beide setzten weiterhin ganz auf Spiegelreflex mit zwei Produktlinien, Vollformat und APS-C (Crop 1,5 bzw. 1,6). Doch irgendwann mochten sie das muntere Treiben der spiegellos-Wettbewerber wohl nicht mehr mit ansehen.
Wohl eher lustlos, zumindest halbherzig, versuchten beide, nach 4 Jahren doch noch auf den Spiegellos-Zug aufzuspringen, 2011 Nikon mit der Nikon "1" (Crop 2,7) und 2012 Canon mit der EOS-M (Crop 1,6). Man sah die Begeisterung Ihrer Entwickler beiden Kameras an. Wen sollte die kleine Nikon als Systemkamera mit so einem winzigen Sensor ansprechen ? Lady-Design ganz in weiß. Aber in dem Handtäschchen war ja nur Platz für das gefällige iPhone. Alternativ ganz in schwarz für den Foto-Enthusiasten ?  Aber dem ist sie zu popelig - und als Drittkamera für den Fotografen fehlt ihr jegliche Kompatibilität bis hin zum Standard-Blitzschuh bis heute. Die "1" war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Auch die Designer der EOS M-Linie hatten zunächst kein Händchen. Erst mit der M5 hat sich die M gemausert.
Aber der Spiegellosen Durchbruch, der blieb bis heute neben Fuji vor allem Sony vorbehalten.

Sony Digital Imaging hatte ja nach der Übernahme der Kamerasparte von Konica-Minolta ein kuriose Produkt-Roadmap hingelegt. Ich hatte das in einem Blog-Beitrag 2013 aufgegriffen: Quo vadis, Sony ?  Inzwischen ist die Antwort bekannt: Sony zeigt mit der spiegellosen Vollformat-Produktlinie eindrucksvoll die Zukunft der Kameratechnik auf und motiviert scharenweise Profifotografen zum Umstieg auf die Spiegellose.
Wie kam es dazu, besser gesagt: Wie konnte es so weit kommen, ihr Marktführer ?

Als unbestrittene Kamera-Welt-Marktführer haben sich Canon und Nikon über viele Jahre gegenseitig den Benchmark geliefert und den Rest ignoriert. Dabei hatten beide unterschiedliche Randbedingungen und Strategien. Canon hat sich als Systemhaus Unabhängigkeit bewahrt und leistet sich wie bislang auch Panasonic noch eine eigene Sensorfertigung, ist also ein Kamerahersteller mit angehängter Halbleiterfabrik. Nikon dagegen lässt - wie auch Fuji, Olympus  und Pentax - das Herzstück der Digitalkamera, den Sensor, bei einem Halbleiterhersteller fertigen, in der Hauptsache bei Sony Semiconductor Solutions.
Die Fremdfertigung des Sensors hat Vorteile, birgt aber auch Risiken. Der Vorteil liegt darin, dass sich der Kamerahersteller auf seine Kernkompetenz, das Kamerasystem, also Kamerabody und Objektive und Systemzubehör konzentrieren kann. Die Sensor-Entwicklung dagegen erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Halbleiterhersteller, der wiederum die Halbleiter-Prozessentwicklung und Fertigung alleine als seine Kernkompetenz betreibt. Langfristig beschert dieser Weg höhere Innovation und bessere Performance und Qualität. Andererseits schafft dieser Weg Abhängigkeit vom Zulieferer der Schlüsselkomponente Sensor, zumindest im high-end-Bereich.
Nikon ist seit vielen Jahre Entwicklungspartner und Stammkunde bei Sony Semiconductor mit den high-end Sensoren. Lediglich einige DX- und vermutlich auch die kleineren ließ Nikon bei anderen Silicon-Foundries wie Toshiba und Renesas fertigen. Kleine Sensoren kann man heute auch als Strandardprodukte von der Stange kaufen. Standardprodukte machen eine Sensorfertigung erst wirtschaftlich, denn nur damit ist eine entsprechend große Auslastung ("baseload") der Fertigung gewährleistet.
Sony Semiconductor gilt seit Jahren als Technologie- und Marktführer für die großen CMOS-Image-Sensoren. Nach der EXMOR-Technologie wurde EXMOR-R für BSI-Technik "BackSideIlluminated" 2016 Vollformat-tauglich. Ab 2018 sollen 55mm- und 66mm-Mittelformat-Sensoren in EXMOR-R-Technologie in Serie gefertigt werden. Und mit der EXMOR-RS-Technologie kann Sony Semiconductor wohl derzeit als einziger Hersteller 44mm-Sensoren (Vollformat !) in der stacked BSI-Technologie fertigen, der wegweisenden Schlüssel-Technologie für hohe Datenraten, z.B. für die D850 und die Sony A9.

Ein anderer Bereich des großen Sony Konzerns, die Digital Imaging Division (DI), einer Sparte der Sony Imaging Products and Solutions (SIPS) agiert im direkten Wettbewerb zu Nikon Imaging, so wie BMW und Mercedes. Wenn z.B. Mercedes für eine BMW-Baureihe den passenden Motor liefert, ist das in der Branche nicht sonderlich ungewöhnlich, zumal BMW mit einem gewissen Vorlauf einen ähnlichen Motor sicher auch selbst fertigen oder von einem anderen Wettbewerber zukaufen könnte. Wirklich spannend wird so eine Konstellation dann, wenn es sich um eine single source handelt, also kurzfristig keine alternativen Fertigungsmöglichkeiten existieren und/oder plötzliche Kapazitätsprobleme auftreten. So geschehen im April 2016, als das einzige Sony-Werk Kumamoto (Japan !), wo die großen Image-Sensoren gefertigt werden, von einem heftigen Erbeben (Stärke 7) stark beschädigt wurde. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis die Fertigung wieder liefern konnte. Fuji, Nikon und Olympus "lebten" so lange vom WIP, dem work in process in den Folgeprozessen und dem Lagerbestand. Und die Markteinführung neuer Kameramodelle verzögerte sich, denn eine second source für die Fertigung der Top-Sensoren hat keiner der Betroffenen, weder Fuji noch Nikon noch Sony Digital Imaging. Eine second source wird es für diese hoch entwickelten Sensoren auch nicht geben, denn dafür sind schlichtweg die Bedärfe zu klein und die Prozessanforderungen zu speziell und zu komplex.

Als Sony 2013 die spiegellose A7 ankündigte, konnte man noch nicht ahnen, wie erfolgreich diese Kamerageneration werden sollte. Sony erwartete das wohl selbst nicht, sonst hätte Sony rechtzeitig eine entsprechende Objektiv-Roadmap aufgestellt. Vielleicht war Sony Digital Imaging ja nur von der Semiconductor Division getrieben worden, einen Vollformat-Demonstrator zu liefern, um die überragende Performance des EXMOR-Vollformat-Sensors zu demonstrieren und Canon eine attraktive Fertigungsalternative aufzuzeigen. Jedenfalls schlug Sony's kompakte, spiegellose Vollformatkamera richtig ein.
Die Sony A7 ist wohl auch deshalb so erfolgreich, weil Canon 5D-Besitzer mit einem Metabones-Adapter ihre ganze Objektivpalette an der A7 weiter nutzen könen, ohne dass sie auf die Automatikfunktionen verzichten mussten.
Inzwischen gibt es die spiegellose Sony A7 in der dritten Generation, besser gesagt als ausgereiftes Kamera-Portfolio mit unterschiedlichen Ausprägungen:

  • Sony A7rIII ("r" steht für Resolution) mit 42 Megapixeln
  • Sony A7MIII mit 24 Megapixeln als preisgünstiges Basismodell
  • Sony A7sIII ("s" steht für Sensitivity) erwartet mit 12 Megapixeln in BSI-Technologie
  • Sony A9 die schnelle mit 24 Megapixeln in EXMOR RS, mit 20 Bildern/s und ausgeprägter Video-Funktionalität

Ein vergleichbar strukturiertes Kamera-Portfolio hat keiner der Wettbewerber anzubieten.
Lediglich beim Objektiv-Portfolio für die A7-Plattform tut sich Sony nach wie vor schwer.

Und die zwei Großen, was machen die jetzt ?
Den Zug verschlafen und offensichtlich abgehängt blicken Sie auf die Marktprognosen. Während sich der Weltmarkt für DSLRs nach Stückzahlen in den letzten 5 Jahren halbierte, stieg der Anteil der spiegellosen Systemkameras kontinuierlich, z.B. 2017 um 31% gegenüber 2016 (Quelle: CIPA-Reports). Hält der Trend unverändert an, werden die spiegellosen Einheiten 2019 die DSLRs überholen.
Schon lange kursieren die Gerüchte über eine "große" spiegellose Nikon. Und wenn Nikon an einer solchen arbeitet, muss der Wettbewerber Canon mitziehen. Auf der CP+ 2018 im März haben beide Kontrahenten wieder nichts dergleichen gezeigt. Dafür hat aber angeblich der Senior General Manager der Digital Imaging Business Group von Sony in einem Interview gemutmaßt, dass Nikon binnen eines Jahres eine spiegellose Vollformatkamera bringen wird. Eine Vollformat-Kamera muss es sein. Klar ist: Mit dem kleineren APS/C-Sensor ist gegen die Dominanz von Fuji kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

2018 ist daher ein spannendes Kamera-Jahr.
Schaffen Nikon und Canon einen Spiegellos-Start im Vollformat - oder heißt die kommende spiegellose Vollformatkamera gar CaNikon ?
Wer außer Sony Semiconductor könnte Canon vergleichbare Vollformat-Sensoren mit BSI-Technologie liefern ?
Schaffte es Sony, ein eigenes, attraktives Portfolio an Systemobjektiven anzubieten oder bleibt die Abhängigkeit von Drittanbietern wie Zeiss, Samyang, Sigma, Tamron und Tokina ?
Oder kommt es gar zu einer Fusion von Canon und Sony Digital Imaging, was beider Strukturprobleme lösen könnte ?
Was fällt der Kamerasparte von Olympus ein, die sich kostspielige Entwicklungen nach jahrelangen roten Zahlen nicht länger leisten kann ?

PhantombildIch jedenfalls erwarte auf der Photokina 2018 die erste spiegellose Nikon Vollformatkamera mit einem Sensor ähnlich der D850 auf Augenhöhe mit einer Sony A9r, die bald folgen wird.
Nach Sony's A7/A9-Linie mit 18mm und Leica's SL mit 19mm Auflagemaß soll laut Gerüchten die Nikon ein sehr weites Z-Bajonett mit nur 16mm Auflagemaß bekommen. Damit lässt sich gewährleisten, dass alle Nikon DSLR-Objektive adaptiert werden können.  Die AF-S-Adaption wäre eine notwendige aber sicher nicht hinreichende Voraussetzung für einen erfolgreichen Start. Nikon wird sicher mit der Markteinführung eine mirrorless Nikkor-Roadmap präsentieren und zeitnah kompakte, lichtstarke Festbrennweiten für die Spiegellose bringen - und damit Sony ausstechen. Die Überlegungen, ob Canon und/oder Nikon ihrer kommenden Mirrorless Generation eine ganz neue Objektivgeneration gönnen oder nicht - das ist derzeit Gegenstand vieler Diskussionen im Netz - halte ich für völlig unsinnig. Mirrorless macht dank des kurzen Auflagemaßes insbesondere dadurch Sinn, viel kompaktere und zugleich lichtstarke Objektivkonstruktionen zu realisieren (siehe Leica-M). Die Adaption der DSLR-Objektive mit langem Auflagemaß mittels Systemzubehör kann und wird nur einen schnellen Start der spiegellosen Generation gewährleisten, aber das Potential der Kamera nicht voll nutzen.

Früher hatte man eine, bestenfalls zwei Spiegelreflexkameras.
Eine Kamera war so lange im Gebrauch, bis sie entweder mechanisch kaputt oder verloren, schlimmstenfalls gestohlen war. Die Kamerahersteller brachten nur alle paar Jahre ein neues Modell auf den Markt und die Produktlebenszyklen waren entsprechend lang. Das hat sich speziell bei den Spiegellosen entscheidend geändert. Ich kenne Amateurfotografen, die haben sich jedes Jahr eine neue MFT gekauft, ohne dass auch nur eine altersschwach oder gar defekt war. Sony liefert nach nur 4 Jahren die A7 in der 3. Generation. Ich kenne  Profifotografen, die sich über den schnellen Modellwechsel und den damit verbundenen Wertverlust ihrer spiegellosen Sony beklagen.
Ist das "typisch spiegellos" ?

Mit meiner einäugigen Mittelformat-Spiegelreflex fotografierte ich fast ein viertel Jahrhundert.
Sollte es so sein, dass man sich von einer Spiegellosen leichter trennt, weil sie keinen Charakter oder einfach nur keinen Blob hat ?
Nein. Die Leica-M ist der Beweis. Und meine spiegellose Fuji X-T1.

Nachtrag:
Ich bin hier bewusst nicht auch noch auf die Verschlusstechniken der Spiegellosen eingegangen, sonst wäre der Beitrag noch länger geworden.

Nachtrag 18.8.2018
Nein "Alien" (s.u.), ich habe keine Insider-Informationen.
Wohl aber verfolge ich Kameraentwicklungen und Roadmaps seit Jahren intensiv als Grundlage für unsere NPA-Konstruktionen.
Nikon inszeniert seit Wochen die Vorstellung der neuen Spiegellosen "Z". Gestern habe ich gelesen, es sollen gleich zwei Modelle werden, eine "Z6" und eine "Z7". Erste offizielle Produktbilder zeigen einen schnörkellosen Kamerabody mit einem riesigen Maul mit 4 (!) Zähnen, das angekündigte Z-Bajonett. Das weit links platzierte Bajonett schafft Raum für einen großen Handgriff mit einem großen Akkufach. Es hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Leica T/SL-Bajonett mit ebenfalls 4 Laschen (alle anderen aktuellen Bajonette haben nur 3 Laschen) und den oben liegenden Kontakten. Überhaupt erinnert mich der Z-Body nach den ersten Produktfotos an die Leica SL. Man könnte daher mutmaßen, dass da Cosina Nikon bei der "schnellen" Entwicklung unter die Arme gegriffen hat.
translucent Z-AdapterDie Motivation für das außergewöhnlich große Bajonett mit dem kurzen Auflagemaß dürfte derweil klar sein, wenn man Nikons jüngere Patentanmeldungen (z.B. 特開2017-156429) interpretiert:
Ein Nikon-Z Objektivadapter für F-Objektive "darf" 30,5mm überbrücken. Das ist die Differenz der Auflagemaße 46,5mm und 16mm. So ein Adapter muss aber kein einfaches "Leer-Rohr" sein. Auf 30mm bringt man smart einen schräg stehenden "translucent", also teildurchlässigen Vollformat-Spiegel unter, ähnlich wie in einer Sony A99, mitsamt einem CMOS-Sensor für einen besonders schnellen Phasen-Autofokus. Nikon hat genau das vor fast einem Jahr patentiert und könnte damit alle Autofokus-Objektive mit F-Mount an den Z-Body adaptieren. Der große lichte Durchmesser des Z-Bajonetts kommt insbesondere der Konstruktion hoch lichtstarker Festbrennweiten zugute. Auch das hat Nikon bereits 2017 signalisiert und die optische Konstruktion eines 52mm "Noct" und einer hoch lichtstarken 35mm-Brennweite (f1,2/36mm) patentiert.

Das alles macht so viel Sinn - und wird Nikons Spiegellose für viele begehrlich machen, vielleicht sogar für eingefleischte Leica-Fans.
In ein paar Tagen, am 23. August, wird Nikon die "Z" vorstellen. Endlich.

Nachtrag/Klarstellung 31.8.2018: Der FTZ-Adapter, den Nikon inzwischen offiziell vorstellte, weist entgegen o.a. Patent keine aktiven Komponenten auf.

Kommentare

…auch und gerade angesichts des Datums der Veröffentlichung.

Nun, gut vier Monate später, zeigt sich die Prognose zur Nikon-Entwicklung als Volltreffer. Entweder hat der Autor prophetische Fähigkeiten oder (was ich eher annehme) hat fehlerfrei extrapoliert. Die dritte Hypothese – ein vorhandenes Insiderwissen – lasse ich mangels nachprüfbarer Begründung aus.

Was die "Lebensdauer" der Kameras damals™ und heute angeht, so ist es natürlich zu bedenken, dass der "Sensor" einer jeden Rollfilm- oder KB-Kamera über Jahrzehnte permanente "Firmware-Updates" erhalten konnte – und hatte; bis in die 1990er Jahre war die Entwicklung der Filmmaterialien zum Teil von atemberaubendem Fortschritt gezeichnet. Diese "Sensoren" ließen sich auch noch mit -zig Jahre alten feinmechanischen Divas benutzen, genauso wie mit den jeweils neuesten, mit immer mehr Elektronik gesteuerten Kameras, bei denen am Ende "analog" nur noch der Film blieb.

Ich erinnere mich noch an die Bedenken bei den ersten Kameras mit elektronisch geregelten Verschlüssen, dass irgendwann die Batterien nicht erhältlich sein könnten und die Kameras somit praktisch unbrauchbar wurden… (Die Angst, die sich inzwischen als sachlich begründet erwiesen hat, denn nicht wenige Batterien aus den späten 1970er, frühen 1980er waren doch die PX, die wegen ihres Hg-Inhalts längst nicht mehr hergestellt werden…)

In der Analogzeit hatte ich tatsächlich, wenn ich darüber nachdenke, gerade mal zwei SLRs gehabt: erst die Praktica, noch in der "Ost"-Zeit, dann die T90 kurz nach der Marktpremiere. Beide dienten aktiv je ca. 15 Jahre lang. Interessanterweise funktioniert die Praktica MTL3 bis heute einwandfrei (Ausnahme: TTL-Messung, siehe Hg-Batterieproblem oben), während die fantastische T90 wegen des Lamellenproblems kürzlich das Zeitliche segnete. Dazu noch eine M645 1000s, mit der ich aber nie so recht glücklich wurde, weiß ich nicht, warum – wohl weil sie doch keine Hasselblad war…

Danach kam die digitale Fotoepoche – da habe ich tatsächlich einer gewissen Polycamie gefrönt. Das war die Pionierzeit, noch vor der DSLR-Ära. Von Apple QuickTake über die "drehbaren" Coolpixe 950 - 4500 bis Olympus E-10 war so manches dabei. Die digitale Entwicklung war um die Jahrtausendwende einfach nur irre und ich bin froh, dabei gewesen zu sein.

Inzwischen kehrt wieder Ruhe ins System: meine letzte DSLR hat inzwischen auch bald eine Dekade auf dem Speicher (7D), ich nutze sie für bestimmte Aufgaben immer noch gern und mit besten Resultaten. Die MFT-Kameras sind auch mehr als erwachsen geworden: war eine PEN E-P3 in mancher Hinsicht noch eine klassische Zweitkamera, so werde ich nach der E-M1 II nicht so schnell etwas Neues wollen. Da stimmt einfach alles.

Viele Grüße aus dem hohen Norden in den schönen Süden!

Sie zeigen einen wirklich bemerkenswerten Aspekt der Analog-Fotografie auf:  "Firmware-Update" durch ständig verbesserte Filmmaterialien.
Ja, genau so war's !

Eine schöne Wortschöpfung ist auch die "Polycamie".
Die werde ich in meinen Sprachgebrauch aufnehmen.

Danke !

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