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geschundenes Stativgewinde
Verfasst von ehopf am 28. Juni 2011 - 16:12
Für die Befestigung auf einem Stativ sind Kameras an der Unterseite mit einem Stativ-gewinde ausgestattet. Dieses "Kameragewinde" ist ein 1/4 Zoll Grobgewinde (1/4"-20 UNC). Grobgewinde deshalb, weil die Gewindegänge gröber sind. Das macht sie mechanisch stabiler als ein metrisches Normalgewinde M6 und bringt einen weiteren Vorteil: mit nur 2-3 Umdrehungen sitzt die Kamera fest. Fast alle "normalen" Kameras sind mit so einem Kameragewinde ausgestattet. Leider ist die Tiefe dieses 1/4"-Gewindes nicht genormt: wir haben Werte von 4,0 bis 8,5mm gemessen. Nur schwere Mittel- und Großformatkameras haben (gegebenenfalls zusätzlich) ein "großes Kameragewinde" in 3/8 Zoll.
Idealerweise sitzt das Kameragewinde genau unter der optischen Achse und vor der Film- bzw Sensorebene der Kamera. Zu den klassischen Abweichlern was diese Positionierung angeht, zählen Leica und Olympus.
Leica baut viele Kameras mit sehr niedrig liegender optischen Achse (z.B. die M9) und findet anscheinend unter dieser Linie keinen Platz mehr für ein Stativgewinde. So sitzt das Stativgewinde vieler Leicas irgendwo seitlich am Kameraboden - nur nicht da, wo es hingehört.
Olympus platziert das Kameragewinde bei vielen DSLRs zwar mittig unter der optischen Achse - aber geradezu idiotisch soweit hinten am Kameraboden (bei einigen Modellen hinter dem Sensor), dass jede Kamera sehr kopflastig auf dem Stativ sitzt. Auch Nikon signalisiert mit der Gewindeposition der D700: Diese Kamera ist nicht für's Stativ gebaut.
Sony scheint beim Design der NEX das Stativgewinde zunächst gar vergessen zu haben: die Miniaturisierung wurde soweit getrieben, dass die optische Achse um weniger als den halben Objektivdurchmesser über dem Kameraboden liegt. Die Kamera ließe sich gar nicht am Kameraboden auf einem Stativ befestigen, hätten die Konstrukteure dort nicht noch einen Höcker für das Stativgewinde angebracht. Über dessen Zweckmäßigkeit kann man streiten...
In der Panoramafotografie ist die Position des Stativgewindes nicht unwesentlich:
- Die meisten VR-/Panoramasysteme sind nur mit Kameras nutzbar, bei denen das Stativgewinde genau unter der optischen Achse liegt.
(Anmerkung: bei allen unseren Panoramasystemen ist das nicht relevant) - Da die Kamera in Hochformatposition am Stativgewinde hängt, ist es von Vorteil, wenn das Kameragewinde möglichst im Bereich des Schwerpunkts liegt - und nicht an der hinteren Kante des Kamerabodens.
- Die mechanische Stabilität des Gewindes bzw. dessen Verankerung im Kameraboden ist für den Einsatz im Hochformat von besonderer Wichtigkeit.
Im Normalfall halten nur 3 Gewindegänge die Kamera: das sind nur wenige Kubikmillimeter Material. Das wird häufig unterschätzt, auch von Stabilitätsfanatikern, die ihren kilo-schweren Kugelkopf auf das Stativ schrauben und dann die Kamera mit einem stabilen L-Bracket in Hochformatposition darauf befestigen. Das meist ArcaSwiss-kompatible Klemm-system eines solchen L-Brackets suggeriert wie der mächtige Stativkopf eine Stabilität des gesamten Setups, die nicht gegeben ist, denn:
Letztlich hängt die Kamera an den Gewindegängen mit wenigen Kubikmillimetern Material.
Verschärft wird diese Problematik noch weiter durch eine hoch liegende optische Achse und damit dem hoch liegenden Schwerpunkt des Systems: Je größer der Abstand der optischen Achse über dem Kameraboden, desto größer ist die Hebelwirkung im Hochformat und desto größer das Drehmoment, das am Kameragewinde wirkt. Unter der Kamera angebrachte Batteriegriffe vergrößern dieses Drehmoment signifikant. Entsprechendes gilt bei der Verwendung langer, schwerer Objektive, die ebenfalls den Schwerpunkt des Gesamtsystems vom Stativgewinde weg verlagern: Das resultierende Drehmoment belastet das Stativgewinde in Hochformatstellung der Kamera extrem - bis zum Herausreißen aus dem Kameraboden.
Was ist nun die Konsequenz speziell aus der Sicht der Panoramafotografie ?
Die Forderung nach einem sinnvoll platzierten Stativgewinde - möglichst in 3/8" und zusätzlich an der linken Kameraseite - dürfte sich erübrigen. Kamera-Konstrukteure und -Designer werden wohl auch in Zukunft Kameragewinde unsinnig platzieren.
Konsequenterweise sollte man daher für Panoramafotografie seine Kamera mit Bedacht, also auch unter Berücksichtigung des Gewichts und der Geometrie auswählen - oder zumindest auf solche Kaliber wie eine Nikon D3 oder eine Canon 1DMk4 mit fest angebautem Batteriefach und schwere Zoom-Objektive wie das Nikkor 2,8/14-24 oder das Canon 2,8/16-35 verzichten und besser zur Zweitkamera greifen. Auch mit der Olympus E-3 und ihrem 3mm hinter dem Sensor platzierten Kameragewinde macht Panoramafotografie nicht wirklich Spaß.
In mehreren Blog-Einträgen haben wir bereits auf die Problematik hingewiesen:
http://pt4pano.com/de/blog/aber-bitte-ohne-batteriegriff
http://pt4pano.com/de/blog/welches-objektiv-f-rs-pano
Nach wie vor werden wir von Kunden um kameraspezifische Sonderlösungen für den KISS für die Verwendung mit Batteriefach oder Schnellwechselsystemen angefragt. Wir werden auch weiterhin aus genannten Gründen diesen Kundenwünschen nicht nachkommen.
Nachtrag: überstehendes Stativgewinde
Wir bekommen fast alle panoramatauglichen Kameras auf den Tisch.
Über die Stativgewinde der Kameras könnte ich inzwischen ein ganzes Buch schreiben.
Das ist nicht meine Absicht.
Einen Aspekt möchte ich hier doch kurz noch aufgreifen:
Bei immer mehr Kameras ist das Stativgewinde schlampig eingebaut und steht unten über den Kameraboden über.
Ich habe das bereits bei mehreren DSLR's in der Einsteiger-Klasse beobachtet - und jetzt wird dieses Manko bei Kompakt-kameras schon fast zur Norm. Bei allen Lumix MFT's steht das Gewinde ca. 0,3mm über. Den Vogel schießt auch diesmal wieder Olympus ab: Bei der neuen XZ-1 Kompaktkamera (die durchaus panoramatauglich ist !) ist das Stativgewinde mit 7,5mm zwar angenehm tief, aber es steht unten einen ganzen Millimeter über. Die Kamera liegt - auf eine plane Platte montiert - nur am überstehenden Bund des Stativgewindes auf.
Was haben sich die Entwickler dabei wohl gedacht ?
2. Nachtrag (Mai 2012)
Inzwischen sind die neuen Vollformatkameras von Canon und Nikon auf dem Markt.
Beide, die EOS 5DMk3 und die D800 werden sicher auch für die Panoramafotografie verwendet werden.
Aber: Die Stativgewinde beider Kameras wurden wieder sehr ungünstig platziert. Insebsondere an der D800 sitzt das Stativgewinde so weit "hinten" (noch weiter als bei der D700), dass die Kamera sehr kopflastig wird.
Beide Kameras werden normalerweise mit einem guten Weitwinkelzoom eingesetzt.
Die 5DMk3 mit dem schweren f2,8/1635 USM2 und die D800 mit dem noch schwereren f2,8/1424. Im Hochformat am Stativgewinde befestigt sind beide so bestückte Kameras praktisch nicht zu gebrauchen.
Schade.


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